“Neu sein” & ein bisschen mehr

Ich habe mich die vergangenen Tage viel mit Kolleginnen und Kollegen unterhalten. Auch über diesen Blog. So langsam sind einige darauf gekommen, wer dahinter steckt. Viele haben mich auch schon nach Begründungen gefragt – wieso ich das mache und wie ich darauf gekommen bin. Viele Fragen und viele Antworten. Vor allem habe ich aber auch mit Leuten geredet, die schon eine Weile dabei sind. Gute gemeinte Ratschläge waren da ganz vorne mit dabei. Ich schätze das. Wirklich. Problematisch wird es nur, wenn ich das Gefühl habe, falsch verstanden zu werden. 

Und hier kommt das Problem:
Ich bin ganz neu. Neu im Studium nicht mehr, da bin ich schon ein alter Hase. Neu in der Polizei – ja, man könnte fast sagen, noch nicht einmal richtig angefangen. Mir ist das bewusst. Wenn ich über Dinge schreibe, dann immer nur das, was ich weiß. Ich würde mir niemals anmaßen zu meinen, das Wissen von einem Kollegen zu haben, der schon 20 Jahre im Dienst ist. Auch ein Kollege mit 2 Jahren oder 2 Monaten mehr Diensterfahrung als ich hat schon viel mehr Erfahrung als ich. Durch den täglichen Dienst. Ich weiß das. Und ich habe vollsten Respekt davor. Jeder sammelt auch andere Erfahrungen. Meine Kommilitonen aus der Klasse werden zwar zum selben Tag in den Dienst kommen, wie ich – und dennoch werden wir uns alle komplett anders entwickeln und grundlegend andere Erfahrungen machen. Ich weiß das. 
Und ich wiederhole: Mein Blog sind persönliche Gedanken und Gefühle. Ich gebe hier keine Grundsatzregeln vor, wie sich etwas anzufühlen oder abzulaufen hat. Nein. Ich spreche aus, was in meinem Kopf vorgeht. Ich möchte keine Verhaltensanweisungen geben oder mir auch nur etwas ähnliches anmaßen. Selbst wenn ich die Diensterfahrung hätte, würde ich das nicht tun. Z.B. hat jeder in der Uniform ein anderes Gefühl. Vielleicht drücke ich mich allgemeiner aus, vielleicht denke ich manchmal, wenn ich einfach so drauf los schreibe, dass andere vielleicht auch so denken. Aber nehmt mich da nicht zu wörtlich.
Ich möchte mich auch gar nicht zu sehr rechtfertigen, aber mir war es wichtig, das einmal anzusprechen. Dieser Blog ist nichts offizielles. Es ist was persönliches. Von mir, für euch. Und unterschwellig – zwischen den Zeilen – werdet ihr mehr von mir kennenlernen als es durch ein Foto mit Gesicht – was sich so viele wünschen – jemals möglich wäre. Vor allem sind das die wichtigen Details. Viel privates, was ich denke und fühle. Ist das nicht für so einen emotionalen Blog viel wichtiger und auch viel wertvoller. 

Das “Neu sein”

Das “Neu sein” ist immer schwer. Die drei ersten Tage, die ich beschrieben habe. Das war “Neu sein”. Aber nicht nur das. Jede Situation, die man zum ersten Mal erlebt. Für mich ist neu sein eine Herausforderung. Jedes Mal. Versteht mich nicht falsch, ich liebe es neue Menschen kennenzulernen, ich bin offen und gesprächig. Aber dennoch habe ich auch meine Macken. Eine davon ist meine Angst, etwas nicht so zu schaffen, wie ich mir das vorstelle. Ganz oben steht dabei, eine Situation nicht zu meisten. Klar habe ich daran schon gearbeitet und es ist auch schon viel besser geworden, aber dennoch fühle ich mich manchmal unsicher in einer neuen Umgebung und brauche erst einmal eine Einschätzung über die Situation und die Leute, die mich umgeben. Das Neu sein wird mir immer wieder begegnen. Und deshalb werde ich vieles neu lernen und meinen Erfahrungsschatz ausweiten können. 

Neu ist man in dieser Behörde ganz oft, immer wieder. Das ist also eine Herausforderung, vor die ich mich stelle, damit es mir vielleicht irgendwann mal ganz leicht fällt. Wo man überall Neu ist in der Behörde? Da gibt es viel zu viele Dinge, die ich euch jetzt nennen könnte. Einige hab ich euch schon genannt. 
Neu sein vor den nächsten Lehrern eines Lehrgangs. Neu sein in der Uni. Neu sein auf dem Gelände, wenn man noch nicht weiß, wie welches Haus nummeriert ist. Neu in Klassenräume kommen. Neue Dienststellen kennenlernen. Neue Vorgesetzte bekommen. Mein aufregendstes Neu sein war aber: 

Das Abschnitts-Praktikum 

Ich kam da an. Es war April 2018. Ich hatte meinen ganzen Kofferraum voll mit meiner Uniform. Versuchte, alles auf einmal in die Hand zu nehmen und zum Abschnitt zu wandern. Nachher ist man immer schlauer – ich hätte auch direkt vor dem Abschnitt parken dürfen, wurde mir gesagt. Aber ich wusste es nicht – ich war ja neu. Mir wurde der Abschnitt gezeigt und ich grüßte ganz aufgeregt alle Leute. Freundlich und gesprächig, und dennoch etwas schüchtern (was aber nie jemand bemerkte), stellte ich mich allen vor. Aber ich wusste einfach nichts. Ich wusste nicht auf welchem Stuhl wer sitzt, ich wusste nicht wo ich meine Waffe hole, ich habe mich auf dem Weg von der Umkleide zum Gemeinschaftsraum einfach verlaufen. Ich hab mich verloren gefühlt und es war so viel Neu. So viele neue Gesichte mit so vielen neuen Namen. Teilweise kam ich an, grüßte alle die mir begegneten und wusste – als dann alle Uniform trugen – nicht mehr, wem ich schon Hallo gesagt hatte. Kennt ihr das? Aber lieber zweimal Hallo sagen als keinmal – das ist die Devise bei der Polizei und die finde ich auch super so. Und das war alles Neue auf der Wache – ihr könnt euch vorstellen wie verloren ich die ersten Stunden auf dem Funkwagen war, als ich das erste Mal Funken musste oder den Verkehrsunfall ganz alleine aufnehmen musste, etc… Doch diese ganze Aufregung – meine Unsicherheit – das verging, und wisst ihr was? Ich merkte es nicht einmal. Irgendwann war es einfach drinnen. Irgendwann fühlte ich mich auf dem Abschnitt, auf dem ich 6 Wochen verbringen durfte, so wohl, dass ich richtig traurig war, als ich gehen musste. Plötzlich wusste ich, wie der Hase läuft, ich wusste die Gepflogenheiten und die Ritualien des Abschnitts. Ich wusste die zeitlichen Abläufe. Ich wusste wie was gemacht wird und habe mich ins Geschehen eingefügt. Ich war tatsächlich Teil des Teams, obwohl ich nur Praktikantin war. 
Aber mir war auch bewusst: jeder Abschnitt arbeitet anders. Und das Hundertschaftspraktikum, was damals bevorstand, würde auch komplett anders ablaufen. Alles dort wird anders gemacht als auf dem Abschnitt. Es geht mir nicht um die schriftlichen Arbeiten, Anzeigenaufnahme usw. – das ist natürlich mehr oder weniger gleich, sondern es geht mir um das, was hinter den Kulissen abläuft. Es war mir bewusst, dass alles was ich dort gelernt hatte, woanders wieder neu sein würde, weil es anders ist. Aber ich war beruhigt und mir was bewusst: auch daran wird man sich gewöhnen. Ich habe gemerkt dass die Angst, die ich erst hatte, vor dem Neuen, sich so langsam in Vorfreude umwandelt, auf die neue Situation, auf weitere Herausforderungen. Ich werde immer neue Umfelder kennenlernen und mich “dem Neuen” stellen müssen. Aber nach so guten Erfahrungen, wird mir das in Zukunft leichter fallen. 

Ich hoffe so sehr, dass ich verständlich machen konnte, was ich sagen wollte. Ich berichte meine Gedanken und Erfahrungen. So, wie ich mich auf dem Abschnitts-Praktikum gefühlt habe, so werde ich mich zwar ähnlich gesehen wieder fühlen, aber vielleicht – je öfter ich das erlebe, umso weniger wird es mir auffallen, umso weniger “spannend” wird es (nicht negativ gemeint). Deshalb halte ich es fest. Damit ich mich zurück erinnern kann, anhand meiner Texte, und weiß, wie ich mich “damals” gefühlt habe. Ich schreibe es auf, damit ich es selbst nicht vergesse. Wenn ich euch von meinem Gefühl in der Uniform berichte – dann kann in dem Moment, in dem ich es schreibe, nicht mehr berichten, als das, was ich bis dahin in der Uniform gefühlt habe. Wie ich nach 2 Jahren Dienst darüber denke, kann ich euch erst in 2 Jahren berichte. Wenn ich euch von meiner Einstellung zur Polizei berichte, von meiner Leidenschaft zu diesem Job und meine tägliche Motivation aufzustehen, dann ist auch dass das Spiegelbild meiner Gedanken, die ich jetzt in diesem Moment habe. Was in 2, 5 oder 15 Jahren dabei rauskommt, wenn ich ausspreche was ich denke, werden wir dann sehen. Und ich freue mich sehr darauf, weil ich mich freue viel zu lernen und  all dem mit viel Vorfreude entgegen blicke. 

gez. TP

2 Gedanken zu „“Neu sein” & ein bisschen mehr

  1. Das hast Du sehr treffend beschrieben. Zumindest kann auch ich deine Empfindungen aus meiner persönlichen Erfahrung unterschreiben. Natürlich erlebt jeder solche Situationen anders und selbst, wenn jemand in einer fast deckungsgleichen Lage ist, fühlt er dabei ganz individuell. Aber auch nach vielen Jahren in denen ich Erfahrungen gesammelt habe, teilweise für neue Kollegen der Ansprechpartner war, gibt es nach wie vor solche \”ersten Male\”. Das bringt diese Tätigkeit einfach mit sich. Und egal wie viele neue Dienststellen man schon kennen gelernt hat, am Anfang fühle ich mich auch immer wieder wie \”der Neue\”. Die ersten Tage schwingt bei mir immer ein wenig Aufregung mit. Ich bin die ersten Wochen auf einer neuen Dienststelle nach wie vor \”etwas reserviert\” und eher beobachtend. Bis ich die Menschen einigermaßen einschätzen kann und die Abläufe und das Sozialgefüge kenne, bin ich bewusst zurückhaltender als ich es eigentlich bin. Und ich selbst finde so ein Verhalten bei anderen logischerweise auch sehr angenehm. Am Anfang kann man in einigen Gruppen von Menschen im Grunde entweder nichts falsch machen oder, im schlimmsten Fall, alles nachaltig kaputt machen. Es gibt eben leider keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.Ich bin gespannt auf deine nächsten Texte, gute Besserung und viel Erfolg für eine der letzten Klausuren. 😉

  2. Vielen Lieben Dank für dein ausführliches Feedback und auch deine eigene Meinung und Erfahrungen! Zu hören, dass es anderen auch so geht ist wie immer eine Erleichterung! Ich freue mich auch, dass dir meine Texte gefallen !Danke! ich werde mich bemühen. 🙂

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