“Es ist doch eh immer das Gleiche” – ist es das?

Ich habe euch vor einigen Tagen in einem Post gefragt, was ihr als unabdingbare Eigenschaft/Charakterzüge/Talente haltet, die ein guter Polizist/Ermittlungsbeamte haben muss. Ja, ich wollte auf etwas bestimmtes hinaus.

Viele richtige Antworten waren dabei. Einige davon seht ihr hier:
– Soziale Kompetenz
– Fitness
– Autorität
– Menschlicheit
– Respektvollen Umgang mit Menschen
– Authentizität
– Konzentration
– Leidenschaft für den Beruf
– Teamfähigkeit
– Belastbarkeit

Keine Frage, es gibt nicht die eine Sache, die ein Polizist können/wissen/tun muss. All das oben genannte ist wichtig. Aber ich will mit euch über etwas bestimmtes sprechen. Eine Sache, die einem von Anfang an im Studium beigebracht wird, hinter der aber in meinen Augen viel mehr steckt, als man auf den ersten Blick erkennt.

Wie ich darauf gekommen bin? Durch aktuelle Situationen im Privatleben, bei denen mir einfach bewusst geworden ist, wie sehr ich diesen Grundsatz doch mag und wie richtig und wichtig er ist – im Job, wie auch im Privatleben.

Also… Worauf wollte ich hinaus. Was ist etwas sehr wichtiges für einen Polizisten?
Die Beurteilung der Lage.

Das klingt so einfach. Ich fragt euch sicher: Gut, und was will sie damit jetzt tolles anfangen? Ja, das habe ich mich anfangs auch gefragt, bzw. habe ich mich gefragt wie ich euch das mitteile. Und deshalb muss ich es anhand von Beispielen machen, denn nur so wird die Wichtigkeit dieser Sache deutlich – denke ich. Hoffe ich.
Man beginnt das Studium und so ziemlich in der ersten Stunde Einsatzlehre (das Fach, das in meinen Augen am nächsten an der Praxis dran ist) lernt man, was die Beurteilung der Lage bedeutet. Die genaue Definition und was es konkret in der Einsatzlehre bedeutet darf ich euch leider nicht sagen, da es Verschlusssache ist. Aber wir können uns alle darunter etwas vorstellen. Und genau darauf will ich hinaus. Auf die eigene Definition. Viele Antworten, die ich auf meine Frage im Post bekommen habe, lauteten “Neutralität” oder “nicht in eine Routine rutschen”. Und das trifft es schon ziemlich gut.
Die Beurteilung der Lage bedeutet, dass man Einschätzungen und Gedanken zu einer bestimmten Situation in seinem Kopf hat.

Ein Beispiel aus dem Leben: Wir beurteilen die Lage jeden Tag. Und das nicht nur einmal. Wir beurteilen die Lage tausende von Malen jeden Tag. Wie und wann fragt ihr euch? Es beginnt schon nach dem Aufstehen. Ihr fragt euch: “Was ziehe ich heute an?” Dafür müsst ihr die Lage beurteilen in dem ihr euch fragt, was ihr heute vor habt, wie ihr dafür angezogen sein wollt, aber auch wie das Wetter heute ist und ob man deshalb die dicke Jacke braucht oder ob eine Strickjacke vielleicht reichen könnte. Das ist eine Beurteilung der Lage. Wenn ihr euch Essen macht, beurteilt ihr, auf was und wie viel Hunger ihr habt. Wenn ihr euch mit Freunden verabredet beurteilt ihr die Lage dahingehend, was ihr machen wollt, wie viel Zeit ihr habt und auch hier wieder: das Wetter.
Jeden Tag also, hat man tausende von Situationen, in denen man – ganz automatisch – eine Beurteilung der Lage durchführt. Und worauf ich hinaus will: diese automatische Beurteilung der Lage sollte man viel aktiver und bewusster machen – vor allem als Polizeibeamter.

Ein Beispiel aus dem Berufsleben: Wir stellen uns vor, du und dein Streifenpartner sitzen zusammen im Funkwagen. Es kommt der Einsatz “Verkehrsunfall – nur Blech”. Ihr fahrt ran, ohne Eile (also ohne Sonder- und Wegerechte).
Die Beurteilung der Lage könnte jetzt auf zwei Weisen ablaufen:
– Kurz und unbewusst: Man erwartet vielleicht zwei Fahrzeuge, die ein paar Schrammen haben, aber nichts großartiges und stellt sich schon auf das Schreiben ein, dass bei der Aufnahme des Verkehrsunfalls nun mal ansteht. Du hast heute einen schlechten Tag. Hast schlecht geschlafen und hast Streit mit deiner Partnerin/deinem Partner – bist also nicht ganz auf der Höhe heute. Du und dein Streifenpartner seit Schweigsam auf der Anfahrt weil keiner sich großartig Gedanken macht und beide einen “einfachen VU” erwarten.
– Ausführlich und bewusst: Du und dein Streifenpartner redet miteinander – ihr tauscht euch aus. Wie es euch geht und was ihr denkt. Du äußerst auch, dass es dir heute nicht so gut geht und du deswegen ihm das Reden überlassen würdest. Dein Streifenpartner äußert sein Verständnis und weiß nun, dass er noch aufmerksamer sein muss als sonst. Er fängt auch an zu erzählen, dass er letztens erst wieder einen Verkehrsunfall hatte, bei dem es zu einem Widerstand durch einen alkoholisierten Fahrer mitten am Tag gekommen sei. Außerdem sprecht ihr über die Örtlichkeit und dass es dort eventuell viele Schaulustige geben könnte. Ihr seid nun beide aufmerksam. Dein Kollege hat durch seine Geschichte daran erinnert, dass es nicht immer ganz einfach ablaufen muss und du hast ihn vorgewarnt, dass du heute einen schlechten Tag hast.

Stellt euch diese Situation vor. Ihr kommt also nun am Einsatzort an, es kommt zu einer Auseinandersetzung, weil der Unfallverursacher keinen Führerschein hat und vom Unfallort flüchten möchte. Welches Streifenteam meint ihr, wäre besser vorbereitet?
Ein einfaches Beispiel, aber ich denke es bringt auf den Punkt was ich sagen will.

Ich rede hier absolut nicht von Erfahrungswerten. Erfahrungen sind verdammt wichtig in Einsätzen und sollen natürlich auch in die im Kopf ablaufende Beurteilung der Lage einfließen. Was ich aber wichtig finde ist: sich niemals von den äußeren erkennbaren Umständen blenden lassen. Was anfangs nach einem einfachen Verkehrsunfall aussehen mag, kann sich auch als große Herausforderung herausstellen. Es gibt VUs, die in Widerständen enden. Es gibt polizeifeindliche Bürger, die euch bei der Aufnahme des VUs mit einem Messer bedrohen können. Es gibt Schaulustige die eure Arbeiten erschweren, euch anpöbeln und den Konflikt suchen. Und das sind nur drei kleine Beispiele von unendlich vielen. Es kann immer viel schlimmer kommen als man denkt und es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Deshalb wird auch nicht nur eine einzige Beurteilung der Lage durchgeführt. Sondern immer und immer wieder. Sobald neue Informationen dazu kommen, wird die alte Beurteilung aktualisiert. Man macht sich also Gedanken, wenn man zum Ort fährt – alles Spekulationen, weil man noch gar nicht weiß, wer einen dort erwartet und wie das Schadenbild aussieht. Vor Ort angekommen hat man diese Informationen und kann sein Puzzle im Kopf weiter ordnen. Die Info, dass man heute einen schlechten Tag hat, hat dein Streifenpartner nicht, außer du teilst es ihm mit. Er kann diese Information also nicht in seine Beurteilung der Lage aufnehmen, wenn du es ihm nicht sagst, wenn ihr nicht miteinander redet.
Ebenso ist es mit dem Unfallhergang. Man kommt vor Ort an und es scheint eine offensichtliche Unfallursache zu geben. Anstatt aber diese Annahme blind zu übernehmen, und somit die Lagebeurteilung als vollendet anzusehen, befragt ihr die beiden Unfallgegner. Es kommen Informationen ans Licht, die auf den ersten Blick nicht erkennbar waren. Die Beurteilung der Lage im Kopf wird aktualisiert – ganz automatisch.

Ein anderes Beispiel hierzu, dass es noch einmal mehr verdeutlicht. In meinen Abschnitts-Praktikum sind wir zu einem Einsatz “Verdacht häusliche Gewalt” gefahren. Vor Ort angekommen öffnete uns eine scheinbar am Boden zerstörte Frau die Tür. Alle gingen erst einmal davon aus, der Mann habe sie geschlagen. Als wir die Wohnung betraten setzte sie sich auf den Boden – bitterlich weinend. Sie hatte keine augenscheinlichen Verletzungen. Auf die Nachfrage, wo sich der Mann befinde, der sie geschlagen haben soll, äußerste sie, er sei abgehauen, mit dem Kind. Es lagen zerschlagene Gläser und Tassen auf dem Boden, an denen blutsuspekte Anhaftenden zu sehen waren – wie gesagt, die Frau war nicht verletzt. Als wir die Frau über ihre Möglichkeiten aufklärten, hörten wir ein Kind in einem Zimmer weinen. Die Tür war verschlossen. Nach kurzem Klopfen und dem Hinweis, man solle sofort die Tür öffnen, kam uns ein kleiner Junge entgegen. Ich schätze Grundschulalter. Dicht gefolgt hinter ihm, mit der schützenden Hand auf dem Kopf des Jungen, kam ein Mann aus dem Raum. Er blutete am Kopf und am Arm. Nach weiteren Ermittlungen kam dann raus, dass nicht die Frau geschlagen wurde, sondern die Frau ihren Mann schlug und sie ihn mit den Gläsern beworfen hatte. Was also für uns alle am Anfang glasklar erschien, wurde nach unseren Ermittlungen komplett über den Haufen geschmissen, weil es sich als absolut falsch herausstellte. Nur, weil etwas für uns “offensichtlich” erscheint, muss das noch lange nicht heißen, dass es wirklich so ist.

Ein Polizeibeamter muss also in meinen Augen eine ständige Beurteilung der Lage durchführen, ohne sich davon von “so war es bisher immer” leiten zu lassen. Jede Situation ist eine Neue und kann ganz anders verlaufen als die 100 ähnlichen Situationen davor. Deshalb empfinde ich es als eine der wichtigsten Dinge als Polizeibeamter, alle möglichen Informationen in eine anfangs neutrale Beurteilung der Lage einfließen zu lassen und so viel wie möglich nachzufragen und zu “ermitteln”. Dazu gehört wie gesagt auch, wie es deinem Partner heute geht und wie ihr als Team funktioniert. Jeden. Tag. Neu.

Und genauso ist es doch im echten Leben oder? Wenn ihr eurer Mitbewohnerin, eurem Partner oder euren Eltern nicht mitteilt, dass es euch nicht gut geht – woher sollen sie das wissen? Wenn ihr einer fremden Person begegnet, erste Gespräche führt usw., dann bildet ihr euch einen ersten Eindruck. Aber fragen wir immer nach wieso jemand etwas macht? Nein leider nicht. Und ich finde genau diese “Beurteilung der Lage” sollte man auch in sein Privatleben mitnehmen. Denn es ist gold wert. Man lernt, Menschen nicht zu verallgemeinern. Man lernt, dass der erste Eindruck manchmal täuschen kann. Man lernt, dass Kommunikation der Schlüssel zu allem ist und man lernt, sich von der Vergangenheit nicht mehr Bestimmen zu lassen. Es macht das Leben so viel leichter. Eure beste Freundin hat etwas komisches geäußert, was du nicht verstehst? Frag nach, wie sie das meinte, bevor du Rückschlüsse ziehst, die falsch und aus der Luft gegriffen sind und sich ein Streit entwickelt. Man geht Missverständnissen aus dem Weg und kann dem Gegenüber vielleicht sogar beibringen, von sich aus die Gründe für ein Verhalten zu nennen, wenn es merkt, dass man so Konflikten aus dem Weg gehen kann und dir somit bei der Beurteilung der Lage, also der Situation helfen kann.

Ich hoffe, man hat verstanden, was ich sagen wollte. Im Einsatz wie im Privatleben. Denkt euch nicht euren Teil und geht davon aus, dass eure erste Einschätzung die richtige ist. Seit flexibel in eurer Denkweise und denkt auch mal um die Ecke. Das muss ein Polizeibeamter können und ich denke, das ist verdammt wichtig! Aber auch im Privatleben kann sich – durch Offenheit und eine gewisse Neutralität vielen Dingen gegenüber – die Beurteilung der Lage als großes Werkzeug für ein verständnisvolles und positives Miteinander auswirken. Deshalb habe ich für mich bemerkt, dass ich diese, aus der Einsatzlehre übernommene, Vorgehensweise auch in mein Privatleben übernehmen will. Man beißt sich nicht an Gedanken fest und lernt, Menschen offener gegenüber zu treten. Manchmal nämlich, neigt man dazu, sich in negatives reinzusteigern, weil man einmal enttäuscht wurde – die Beurteilung der Lage, bei jeder Situation neu und von Anfang an, hilft dagegen. Manchmal neigt man auch dazu, etwas zu positiv zu sehen “weil es ja immer gut funktioniert hat”, und wird dann enttäuscht – die Beurteilung der Lage, bei jeder Situation neu und von Anfang an, hilft dagegen. Privat und im Job.

Die Persönlichkeitsentwicklung ist ein nie endender Prozess. Obwohl ich weiß, wie wichtig und toll dieses Instrument ist, vergesse ich manchmal, es anzuwenden. Ich arbeite daran, es so oft es geht anzuwenden und zu beachten. Im Job will ich das auch tun.
Nur gibt es da zwei Herangehensweisen. Während ich im Privatleben versuchen will, alles positiver zu sehen und mich von schlechten Erfahrungen nicht “einschüchtern” zu lassen, bin ich im Job eher darauf aus “mehr auf der Hut zu sein” – man könnte sagen, immer vom schlimmsten auszugehen. Während ich im Privatleben an das Gute im Menschen glauben will, muss man im Job immer auf das Schlimmste “vorbereitet” sein, keine Routine entwickeln. Nur weil 30 VUs ruhig waren, heißt das nicht, dass der 31. auch ruhig verlaufen muss. Nur weil 10 Mal meine erste Einschätzung über den Tathergang stimmten, muss das beim 11. Mal nicht auch so sein.

Die Beurteilung der Lage. Ein endloser Prozess im eigenen Kopf, der gold wert ist. Der Titel dieses Textes ist also zu 100% falsch und ein Satz, den ein Polizeibeamter über seinen Job niemals sagen kann.

gez. TP

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