Ein Tag wie jeder andere?

Dieser Tag ist frei erfunden. Alle geschilderten Einsätze sowie die Reihenfolge sind ausgedacht und dienen nur der bildlichen Darstellung.

Samstag Morgen. Eine komische Musik ertönt aus meinem Handy. Ich drehe mich im Bett um. Will die Musik ausblenden… doch sie wird nicht leiser. Ich drehe mich wieder zurück und greife auf meinen Nachttisch. Handy ab vom Kabel und den Wecker auf Schlummer Modus.

5 Minuten später das gleiche Spiel. Der zweite Wecker klingelt. Wieder Schlummermodus.

Dann der dritte Wecker. Verdammt! Ich muss aufstehen oder?

Mein Kopf rattert. Welcher Tag ist heute? Hab ich heute Dienst? Oder war der Wecker für einen anderen Termin. Ich gucke nochmal aufs Handy. 04:23 ist es inzwischen. Verdammt. So einen frühen Wecker stelle ich mir nur, wenn ich Frühdienst habe. Also los, hoch mit Dir!

Gesagt getan, einmal strecken, einmal dehnen, Brille auf und ab ins Bad! Zähnchen putzen, währenddessen die 2 Minuten sinnvoll nutzen: Musik an, Kaffeemaschine an und den vergessenen Schlummerwecker ausstellen. Dann wird sich gewaschen und die Brille gegen Kontaktlinsen getauscht. Ein unordentlicher Dutt, schnell angezogen, Protein Kaffee in den Shaker gemacht, noch zwei Wasserflaschen eingepackt. Jetzt fehlen nur noch mein Dienstausweis und meine Schlüssel.

Ab ins Auto, wieder Musik an, Fenster runter. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht während ich zur Arbeit fahre. Im Sommer sind Frühschichten noch angenehm. Die Luft ist warm aber leicht von der Nacht. Ich atme die Morgenluft ein. 05:10 Uhr.

Die erste Ampel im eigenen Bereich auf dem Weg zum Abschnitt. Hier hatte ich mal einen Einsatz, denkt mein Kopf. Ich gehe den Einsatz durch, wie ist er abgelaufen.

05:14 Uhr. Die nächste Ampel. Was wohl heute alles passieren könnte? Mein Kopf denkt sich Geschichten aus.

Ich bin ein Kopfmensch. Mein Kopf ruht nie. Er denkt immer. Auf dem Weg zur Arbeit besonders viel. Ich kann nur selten abschalten und einfach mal nichts denken. Dafür braucht es schon einiges.

05:23 Uhr. Ein Parkplatz – direkt vor dem Abschnitt, an einem Samstag – eine Seltenheit. Ich parke, steige aus und überprüfe noch 10 Mal auf dem Weg vom Auto bis zur Tür, ob ich auch alles dabei habe.

Transponder an die Tür und sie summt. Ich gehe rein. Die Wache ist mit der Vorschicht besetzt. Müde Gesichter gucken mich an. Ich logge mich ein und begrüße alle im Raum. Alle sind freundlich aber sichtlich geschafft von der Nacht. Der Kollege, den ich ablösen soll, kommt mir erleichtert entgegen. Eine pünktliche Ablöse ist besonders nach Nachtschichten wichtig.

Aber erst einmal heißt es umziehen. Ich gehe runter in meine Umkleide. Spind auf, Einsatztasche und Weste raus. Die wichtigen Sachen wie Brille und Getränke packe ich um, der Rest wandert in meiner normalen Tasche in den Spind. Dienstbekleidung an, Stiefel binden. Noch die Schulterschlaufen und ein Namensschild an mein Shirt und fertig.

Mit der Ausrüstung gehts dann hoch. Oben wird aufgerüstet. Ich nehme mir Waffe, Tonfa und RSG aus meinem Schließfach. Magazin in die Waffe und laden. Die Waffe ist streifenfertig. Jetzt suche ich meinen Streifenpartner. Er ist genauso pünktlich wie ich. 05:38 Uhr und der Funkwagen kann übernommen werden. Die Schlüssel werden übergeben, genauso wie die Funkgeräte, die Diensthandys und die Kamera. Die Vorschicht berichtet noch stolz dass sie tanken waren. Sehr gute Kollegen!

Jetzt heißt es, den Wagen zu überprüfen. Ich trage mich in das Fahrtenbuch ein. Der Kilometerstand muss da rein und mein Name. Eingetragen? Fertig. Ich stelle mir Sitz und Spiegel ein. Gar nicht so einfach mit der ganzen Ausrüstung.

Danach gehe ich den Rest vom Wagen durch. Ist alles drauf? Geprüft? Fertig. Dann teste ich noch, ob alle Lichter am Fahrzeug funktionieren. Ich gehe Bremslicht, Blinker und Blaulicht mit meinem Kollegen durch.

Und zu guter letzt stellen mein Kollege und ich noch unsere Einsatztaschen in den Wagen.

Auf der Wache ist Wachwechsel. Die alte Schicht loggt sich aus und die neue Schicht sammelt sich. Es gibt eine Lagemeldung über wichtige Dinge, die die letzten Tage passiert sind und über mögliche Veranstaltungen oder ähnliches in unserem Bereich.

Die meisten trinken noch einen Kaffee dabei.

Mein Streifenpartner muss noch eine Sache mit dem Chef besprechen und verlässt den Raum. Dann klingelt das Wachtelefon. Ein Einsatz. „Mit Eile“ schallt durch die Wache. Mein Kollege kommt zurück. „Was ist los? Unser Wagen auch?“.

Ja, „alle Wagen“ heißt es dann.

Gesagt getan. Alle raus, alle in ihre Fahrzeuge. Ich ans Steuer, mein Kollege funkt und meldet uns zum Einsatz an. Ich bin noch nicht so häufig mit sonder- und Wegerechten gefahren aber fühle mich sicher. Ich kenne das Auto inzwischen und mein Kollege unterstützt mich beim Navigieren und an Kreuzungen. Das Martinhorn ertönt, als wir den Abschnitt verlassen. 06:14 Uhr.

„Eine häusliche Gewalt gegenwärtig, Mann schlägt Frau“. Das ist der Einsatzanlass. Während der Fahrt steigt der Adrenalinspiegel. Wieder arbeitet mein Kopf und geht Maßnahmen und Möglichkeiten durch, die uns bei einer häuslichen Gewalt zur Verfügung stehen. Aber ich fahre, deshalb bemerke ich die Gedanken in meinem Kopf kaum. Vollste Konzentration, wenn man mit Sonder- und Wegerechten zum Einsatz fährt. Es ist ein komisches Gefühl. Aber du weißt, gleich bist du da und kannst helfen. Ich fahre. Mein Kollege unterstützt. Mental als auch als Navigation. Wir funktionieren. Ein Team.

Wir sind der zweiteintreffende Funkwagen. Zu viert laufen wir vom Auto zur Wohnung. Eine Frau kommt uns entgegen, eine Wunde im Gesicht. Sie weint. Ich habe Mitgefühl, aber versuche es erst gar nicht an mich ran zu lassen. Bevor meine Kollegen was sagen können sagt sie „Er ist schon weg- er ist zu seinem Auto gerannt und weggefahren als er gehört hat, dass ich die Polizei gerufen habe“. Kein Täter mehr vor Ort. Die anderen Funkwagen drehen ab. Ich biete an, mit der Frau zu sprechen, da es zwischen Frau und Frau oftmals einfacher ist. Der Funkwagen, der mit uns zur Wohnung ging, sucht den Nahbereich nach dem Fahrzeug ab. Ich und mein Kollege gehen in die Wohnung. Wir nehmen die Anzeige entgegen und tun alles, was uns in diesem Moment an polizeilichen Maßnahmen zur Verfügung steht. Wir klären Sie über Ihre Möglichkeiten und Pflichten auf. Die Sachverhaltsklärung zieht sich. Ich sammle wichtige Informationen für die Anzeigenaufnahme. Einen Krankenwagen will sie nicht.

Dann heißt es reinfahren. Schreiben. Alles muss zu Papier gebracht werden. Eine häusliche Gewalt. Das dauert. Und es erfordert Gründlichkeit!

Kaum drinnen hören wir über den Funk „Schlägerei“. Ich gucke meinen Kollegen fragend an „in unserem Bereich? Welcher Wagen ist da“. Wir lauschen weiter dem Funk. Ja. Unser Bereich. Wir haben zu schreiben, Ja, aber der Einsatz muss zuerst gemacht werden. Wir also wieder in den Wagen. Martinhorn und Blaulicht an. Auf dem Weg dahin melden sich noch drei andere Wagen an, die scheinbar in der Nähe waren. Eine Meldung zwischendurch ließ uns wissen, dass wir vor Ort nicht mehr benötigt werden, da die Lage unter Kontrolle sei. Also Horn und Blaulicht aus und wenden. Der Fahrzeuge, die extra noch Platz gemacht haben, wundern sich. Sie bleiben wie angewurzelt stehen und verstehen die Welt nicht mehr …. so ist das manchmal. Aber das weiß der Bürger nicht.

Zurück auf dem Abschnitt. Inzwischen ist es 07:45 Uhr. Zeit zum Schreiben. Noch 10 Stunden und 15 Minuten. Noch so viel Zeit für Einsätze. Ich setze mich an den PC. Fange an zu schreiben. Gründlich und mit Sorgfalt.

Doch dann…

Fortsetzung folgt.

gez. TP

2 Gedanken zu „Ein Tag wie jeder andere?

  1. Vielen Dank für diesen Einblick.
    Ich glaube viele Leute sollten sich einfach mal in Polizisten (oder auch Rettungskräfte usw.) hinein versetzen. Gerade Personen, die jeden Tag mit unbekannten Stresssituationen, die durchaus auch Lebensgefährlich sein können, umgehen müssen um das Leben aller Menschen in der Stadt zu schützen verdienen Respekt. Leider fehlt es daran oft.

    Es wäre schön, wenn durch solche Einblicke der eine oder andere mal darüber nachdenkt, dass die Polizei nicht “Der Staat” ist sondern dass das Menschen wie “du und ich” sind.

  2. Sooo toller Beitrag!
    Ich liebe es, wenn man jedes Detail miterleben kann. Du schreibst das großartig. Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung!

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